DATEV magazin: Was passiert in unserem Kopf und in unserem Körper, wenn wir mit Informationen überflutet werden?

Prof. Dr. Nicolas Rohleder: Wir Menschen sind eigentlich nicht in der Lage, viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Unser Gehirn muss eine Auswahl treffen, es muss bei Informationsaufnahme jeglicher Art eine Filterung vornehmen, weil das, was auf uns einstürzt, einfach immer schon zu viel ist – und wir reden jetzt vom Zeitalter vor dem digitalen Overload. Daneben gibt es Mechanismen, die uns in die Lage versetzen, potenzielle Gefahren zu erkennen: Wenn wir gerade eine Information herausfiltern, die wichtig ist, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, sind wir trotzdem in der Lage, auffällige Veränderungen in unserem Umfeld wahrzunehmen, beispielsweise besondere oder laute Geräusche oder auch besondere abweichende Farbmuster. Wir überwachen trotz unserer Filtermechanismen im Hintergrund stets auch Randinformationen – und können auf potenziell mit Gefahren assoziierte Reize, das heißt ungewöhnliche, laute oder besonders saliente, also besonders auffällige Reize reagieren.

 

Was wäre dann im Büroalltag ein solcher Reiz?

Stellen wir uns vor, jemand ist an einem Computerbildschirm mit einer bestimmten Aufgabe beschäftigt, muss beispielsweise Zahlenkolonnen in Exceltabellen sortieren. Eine möglicherweise monotone Tätigkeit, aber trotzdem eine, bei der man sich stark konzentrieren muss, um keine Copy-Paste- oder Rechen-Fehler zu machen. Unser Gehirn blendet dann typischerweise Außeneinflüsse aus, sodass man im Großraumbüro nicht mehr die. Umgebungsgeräusche oder vorbeigehende Kollegen wahrnimmt. Wenn aber dieser eine Kollege, der vorbeiläuft, seine Kaffeetasse fallen lässt, dann werden wir aus dieser Aufmerksamkeitsaufgabe herausgerissen und richten unsere Aufmerksamkeit auf diesen neuen Reiz. Ähnlich verhält es sich, wenn wir unseren Namen hören, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit sofort zu diesem Geräusch. Dies wird auch als Cocktailparty-Phänomen bezeichnet. Oder nehmen wir ein Teams-Meeting: Hier laufen häufig nebenbei E-Mails oder Kurznachrichten ein und obwohl wir uns auf eine Aufgabe fokussieren, überwachen wir das Ganze im Hintergrund, um mögliche bedrohliche oder auffällige Reize wahrnehmen zu können. Das kann beispielsweise eine Nachricht vom Chef sein, wodurch mein Fokus durchbrochen und meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird.

 

Aber dann kann unser Gehirn grundsätzlich sehr gut filtern. Wodurch entstehen dann die Probleme beim information overload?

Es kostet einfach unglaublich viel Energie, diese Filterung zu betreiben. Je mehr digital auf mich einströmt, durch E-Mails, durch Kurznachrichten, durch andere Daten und Kommunikation, desto mehr muss ich wegfiltern. Und dieses Wegfiltern kostet aktive und kognitive Energie, es kostet mich Kraft und das führt zwangsläufig dazu, dass ich früher ermüde und dass ich bei meiner Hauptaufgabe immer wieder hin- und herspringe. Denn diese sozialen Reize – es spricht jemand über mich, es schreibt mir jemand, auf dessen Antwort ich warte – produzieren viel mehr parallele Datenströme, die auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit etwas Bedeutsames für mich enthalten: Bedrohliches oder auch Nützliches. Und dadurch muss ich viel mehr kognitive Arbeit leisten, gewissermaßen viel mehr Energie in mehr Gehirnzellen stecken. Das ermüdet nicht nur, sondern kann Stressreaktionen auslösen, den Blutdruck erhöhen und langfristig gesprochen auch früher zu Burnout und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. 

 

Worin äußert sich diese kognitive Arbeit körperlich?

Der Neurowissenschaftler würde sagen, man muss mehr verbundene Nervenzellen aktivieren, um diesen Filterprozess zu betreiben. Die Informationen, von denen wir jetzt sprechen, gelangen hauptsächlich über das visuelle und das auditive System in unseren Kopf. Unsere Netzhaut und die Zellen in unserem Gehörgang übersetzen dies in Aktionspotenziale, die Datenströme laufen über bestimmte Areale des Cortex ins Gehirn. Dort werden die Informationen erst einmal nur repräsentiert und bedeuten noch nichts, sondern werden von Nervenzellengruppe zu Nervenzellengruppe weitergegeben. Im Stirnlappenbereich läuft das alles zusammen, Gehörtes und Gesehenes wird miteinander verbunden – nach wie vor völlig ungefiltert. 
Jetzt müssen zusätzliche Nervenzellen hinzukommen, die den Datenstrom gleichzeitig unterdrücken und überwachen; sie müssen sich vernetzen und das kostet Kraft. Mehr aktive Nervenzellen im Gehirn heißt: Wir brauchen mehr Glukose. Das ist alles leistbar, aber das macht das gesamte Gehirn schneller müde.

Das Negative daran kommt erst später. Das kann dazu führen, dass ich  durch die hohe Aktivität in diesem Filter und das Unterdrücken der vielen aktiven Nervenzellen das Gefühl bekomme, dass es mir zu viel wird. Was negative Emotionen und Stress auslöst: Der Bereich im Gehirn, der für Emotionen und die Wahrnehmung von Bedrohungen zuständig ist – der präfrontale Kortex – wird in eine Art Schutzalarmzustand versetzt. Das wiederum hat den Effekt, dass andere Hirnareale aktiviert werden, zum Beispiel der Sympathikus. Dann können sich die Auswirkungen auch im Rest des Körpers fortsetzen: Das Herz schlägt schneller, der Mund wird trocken, ich fange ein wenig an zu zittern, der Blutdruck steigt. Wenn ich das jeden Tag acht Stunden bei der Arbeit machen muss, dann besteht auf Dauer eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass etwas im Körper kaputt geht. Irgendwann kann es sogar zu einer Art Shutdown kommen, eine Informationsparalyse, in der man nichts mehr aufnehmen, nichts mehr entscheiden kann.

 

Dann scheint es doch normal zu sein, dass wir nicht mehr Schritt halten können mit der Menge an Informationen. Das ist kein persönliches Versagen.

Definitiv nicht. Hier muss man Selbstmitgefühl zeigen und akzeptieren, dass man als Mensch bestimmte menschliche Eigenschaften hat und manche Dinge einfach gar nicht leisten kann. Dazu gehört auch, viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, dafür sind wir einfach nicht gebaut. Das Beste wäre, dass wir das akzeptieren und unser Leben entsprechend anpassen würden – vor allem unser Arbeitsleben. Ich nehme mich da selbst nicht aus: Ich habe ständig bei der Arbeit mein E-Mail Programm offen und das ist total bescheuert. Zahlreiche etablierte Forscher und Berater empfehlen beispielsweise E-Mail-Sprints zu drei Zeitpunkten während der Arbeit. Trotzdem halten wir uns nicht daran – was wiederum erklärbar ist dadurch, dass wir letztlich süchtig sind nach Informationen: Durch neue Informationen aktivieren wir unsere Belohnungssysteme. Wir müssten eigentlich entlernen, dass wir uns ständig mit neuen Informationen füttern müssen. 

 

Immerhin habe ich die Benachrichtigungen meiner Messenger-Dienste inzwischen deaktiviert.

Diese sozialen Reize sind für uns sehr wichtig geworden. Uns treibt ständig die Sorge um, etwas zu verpassen, was uns betrifft – im Guten wie im Schlechten. Ich kann auf positive Nachrichten hoffen oder Angst vor negativen Nachrichten haben und all das führt dazu, dass ich glaube, diese Informationen zu benötigen. Wobei sie mich gleichzeitig überlasten.

 

Hinterlässt die digitale Überlastung ähnliche Spuren im Körper wie andere Stressoren?

Wenn man sich die langfristigen Folgen von digitalem Stress anschaut, ist dies relativ gut belegt: veränderte Cortisolwerte, erhöhte Entzündungswerte, höherer Blutdruck. Allerdings können wir noch nicht experimentell im Labor abbilden, was in der täglichen Arbeitssituation passiert. Wir können aber in Längsschnittstudien sehen, dass Personen, die bei der Arbeit stärker gestresst sind, früher erkranken.

 

Über welche Erkrankungen reden wir dann?

Erhöhte Entzündungswerte stimulieren beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das metabolische Syndrom, manche Krebsformen, aber auch psychische Effekte wie kognitiven Abbau oder depressive Symptome. Was nicht hundertprozentig gesichert ist: Welchen Anteil haben eine bestimmte psychische Belastung, ein verändertes Gesundheitsverhalten, vielleicht auch Umweltgifte? Was wir aber aus Laborstudien wissen, ist: Wenn wir Personen einer nur 15-minütigen Stresssituation aussetzen, können sich deren Entzündungswerte innerhalb von zweieinhalb Stunden verdoppeln. Wenn man dieses Resultat auf den Arbeitskontext extrapoliert, wenn dort jemand gestresst ist durch zu viele Informationen und das Gefühl, dass er dadurch nicht mehr das schafft, was er schaffen will, löst dieser digitale Stress erhöhte Entzündungswerte aus. Der nächste Schritt ist damit sicher: die statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit für nicht übertragbare Erkrankungen.

 

Wie kann ich denn mit chronischer Überlastung besser umgehen?

Ich glaube schon, dass es Möglichkeiten gibt, an der Stressresilienz zu arbeiten und dass hier verschiedenste Ansätze helfen könnten. Man muss herausfinden was wem hilft. Zudem können in Unternehmen Informationsströme wenn möglich zentral gefiltert werden, etwa durch die Anordnung von Bildschirmen oder das Design von Arbeitsumgebungen. Das würde die Grundbedingungen verbessern.


Darüber hinaus halte ich Trainings und Schulungen für den besseren Umgang mit Technologie in der Breite für einen vielversprechenden Ansatz. Was aber fast allen helfen könnte, ist Selbstmitgefühl: die Akzeptanz dessen, dass das menschliche Gehirn nicht dafür gemacht ist, alle Informationen gleichzeitig aufzunehmen. 

Der kompetente Umgang mit Informationen könnte also zu einer Schlüsselkompetenz unserer Zeit werden?

Ganz kurze und klare Antwort: Ja, ich denke 100 Prozent ja.

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Prof. Dr. Nicolas Rohleder

ist Leiter des Lehrstuhls für Gesundheitspsychologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.